Die Tavolata in Bedano ist so vielfältig wie die Menschen, die daran teilnehmen: Kinder, Erwachsene und ältere Menschen treffen sich im Begegnungszentrum «Al Posticino», um gemeinsam zu kochen und zu essen. Maria Vittoria Burdese vom Verein Insieme per Bedano verrät, was auf den Tisch kommt.

Interview: Valentina Pallucca Forte

Wie gelingt es euch, verschiedene Generationen an einem Tisch zu versammeln?
Maria Vittoria Burdese: Unsere Tavolata war ursprünglich nicht als generationenübergreifendes Angebot gedacht. Zu Beginn planten wir Anlässe für Erwachsene und für Kinder. Dann zeigte sich jedoch schnell, dass sich Menschen unterschiedlichen Alters ganz selbstverständlich zusammenfinden. Mit der Zeit merkten wir: Wenn die Atmosphäre offen und einladend ist, begegnen sich die Generationen gerne – ganz ohne Zwang.

Wie läuft eine Tavolata ab?
Menschen jeden Alters engagieren sich beim Kochen, Aufräumen oder bei der Betreuung der Kinder während des Essens. Einige ältere Personen nehmen bewusst an den Tavolata mit Kindern teil, weil sie dort Lebendigkeit erleben. Viele von ihnen würden sonst zu Hause allein essen.

Die Bedürfnisse in Einklang zu bringen, ist sicher nicht einfach.
Kinder brauchen Bewegung und Anregung, Erwachsene eher Ruhe und Raum für Gespräche. Deshalb haben wir zwei Bereiche geschaffen: einen Spielbereich für Kinder mit Lego und Gesellschaftsspielen sowie eine Ruhezone, in der Erwachsene lesen oder sich zurückziehen können.

Wie entstehen neue Kontakte?
Die Begegnung entsteht spontan in den verschiedenen Bereichen, in denen gespielt, gelesen oder gekocht wird. Zudem betreibt unser Zentrum die kommunale «Bibliocabina», die sich direkt ausserhalb unseres Zentrums befindet und eine grosse Auswahl an Büchern für Gross und Klein bietet.

Welche Gerichte sind am beliebtesten?
Bei den Kindern sind die Pizza-Tavolata und das gemeinsame Zubereiten eigener Piadine sehr beliebt. Bei den Erwachsenen kam das Vitello tonnato mit Ofenkartoffeln besonders gut an (siehe Rezept).

Worauf seid ihr besonders stolz?
Zu Beginn des letzten Jahres wurde uns dank Pro Senectute eine Person in Assistenz zur Verfügung gestellt, die sich bereit erklärte, für unsere Tavolate zu kochen. Das hat es uns ermöglicht, raffinierte und sehr geschätzte Mahlzeiten anzubieten, und ihr, sich wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Diese Erfahrung hat es vielen Teilnehmenden auch erlaubt, eine Köchin aus nächster Nähe zu beobachten und mit ihr zusammenzuarbeiten sowie neue Rezepte zu lernen – etwas, das in einem gewöhnlichen Restaurant nicht möglich wäre.

Was sind die nächsten Projekte?
Wir arbeiten an einer dritten Form einer abendlichen Tavolata, gedacht für Menschen, die tagsüber wenig Zeit haben: ein anspruchsvolleres geselliges Beisammensein mit sorgfältig zubereiteten Gerichten und einer intimen Atmosphäre. Das Hauptgericht wird direkt von den Teilnehmenden vorgeschlagen und gekocht – jeder und jede kann mit einer Spezialität oder einer Flasche Wein beitragen. Ausserdem prüfen wir die Möglichkeit, einmal im Monat eine Tavolata für die Mittagessen am Mittwoch zu organisieren, wenn die Kinder nur am Vormittag die Schule besuchen. Auf diese Weise könnte das Treffen auch auf Kindergartenkinder ausgeweitet werden, die in Begleitung ihrer Eltern oder Grosseltern teilnehmen.

Was braucht es für eine gute Tavolata?
Es braucht nicht viel: ein paar Tische, eine Küche und Offenheit. So haben wir begonnen. Die Ideen entwickeln sich nach und nach, indem man sich einbringt.

Der engagierte Regionale Tavolata-Vertreter* Alfred Sauteur aus Freiburg kennt alle Tischgemeinschaften in den Kantonen Freiburg. In der Suisse romande funktionieren diese «Tables d’hôtes» so: Ein Gastgeber oder eine Gastgeberin kocht bei sich zuhause, sechs bis 12 Gäste können sich an den Tisch setzen.

Interview: Elodie Follonier

Alfred, wie erleben Sie Tavolata in der Romandie?

Sehr positiv. Als ich vor sieben Jahren begann, gab es in der Romandie 15 Tische, heute sind es allein im Kanton Freiburg 40! Das zeigt: Die Idee funktioniert sehr gut. Aber die Tables d’hôtes dürften noch bekannter werden, vor allem bei Männern.

Wie engagieren Sie sich für Tavolata?

Ich vernetze Menschen, motiviere neue Gastgeberinnen und Gastgeber und besuche so viele Tables d’hôtes wie möglich – auch wenn ich nicht alle 40 schaffe. Ich rufe Geburtstagskinder an und halte so den Kontakt. Pro Jahr entstehen so fünf bis sieben neue Tischrunden.

Wie erleben Sie die Gäste?

Rund 80 Prozent sind Frauen, viele über 80. Die Stimmung ist meist fröhlich – auch wenn mal über Gelenkschmerzen gesprochen wird. Was nie fehlt, ist die gute Laune.

Was macht eine Tavolata langfristig erfolgreich?

Wenn das Essen gut ist und die Gäste herzlich empfangen werden, kommen sie gerne wieder. Ein Table d’hôtes ist einfach: Jemand kocht zu Hause, die Gäste bezahlen 15 Franken, weitere 5 Franken übernimmt Pro Senectute.

Was sind typische Lieblingsgerichte aus der Region?

Eintöpfe, Rinderzunge oder Kutteln und im Kanton Freiburg auch der Bauernschinken – Gerichte, die man allein kaum kocht.

Sie werden «le loup blanc» genannt – warum?

Weil ich überall unterwegs bin, unkompliziert Kontakte pflege, Freude habe und die Leute mich kennen. Ich bin 79, pensioniert – und sehr aktiv.

Anmerkung der Redaktion: «Connu comme le loup blanc» ist eine französische Redewendung. Sie bezeichnet eine Person liebevoll als weit und breit bekannt und gut vernetzt.

*Regionale Tavolata-Vertreter:innen engagieren sich im Netzwerk Tavolata, indem sie Gastessen anbieten, interessierten Menschen eine Platz in Tischgemeinschaften vermitteln oder an Informationsveranstaltungen aus dem Tavolata-Leben berichten.


Tavolata in der Suisse romande

Einige Tischgemeinschaften in der Westschweiz sind von Privatpersonen selbst organisiert. Die Mehrheit der Tavolata wird institutionell von Pro Senectute Arc Jurassien und Pro Senectute Freiburg angeboten. Bei den Tavolata, die der Verein Tavolata mit Pro Senectute organisiert, verpflichtet sich eine Freiwillige oder ein Freiwilliger, einmal pro Monat eine Mahlzeit zu kochen.

  • Die Angebote und Daten werden auf www.fr.prosenectute.ch und www.arcjurassien.prosenectute.ch publiziert.
  • Interessierte Personen melden sich einige Tage vor dem Treffen an und bezahlen der Gastgeberin oder dem Gastgeber 15 bis 17 Franken an die Unkosten. Pro Senectute steuert zusätzlich 5 Franken pro Person zur Deckung der Kosten bei.

Im Kanton Freiburg gibt es auch «Tables au bistrot» (Stammtische im Bistrot). Viele Restaurants laden ältere Menschen ein, an festen Terminen für 20 Franken zusammen zu essen.

Kontakt für Fragen

Petra Forny Pannatier: romandie@tavolata.ch

Seit 15 Jahren kocht, diskutiert und geniesst die Berner Tavolata Pic-Assiette gemeinsam. Die vier Frauen führen Buch über Rezepte und Ausgaben – und pflegen eine Gesprächskultur, die ihnen wichtiger ist als das perfekte Menü. Mitgründerin Mirjam Stolz-Silfverberg erzählt, warum.

Interview: Anina Torrado Lara
Fotos: Marco Zanoni

Mirjam, erinnerst du dich an den Anfang von Pic-Assiette?

Ja, sehr gut. Wir gründeten die Tavolata am 27. November 2011 in Bern. Wir waren fünf Frauen, die es einfach gut miteinander haben wollten. Dazu gehörten für uns ein feines Essen und ein gepflegtes Gespräch. Wichtig war uns von Anfang an, dass es kein Konkurrenzdenken gibt. Das passiert nämlich schnell beim Kochen.

Was habt ihr dagegen unternommen?

Wir haben das direkt angesprochen und miteinander abgemacht, dass jede Teilnehmerin pro Treffen 20 Franken in die Kasse legt. Pro Tavolata stehen jeweils 80 bis 100 Franken zur Verfügung und die Gastgeberin entscheidet, was und wie aufwendig sie kochen will. Sie kann unter Umständen «beim Italiener» eine fertige Pizza bestellen. Sie kann aber, wenn sie Lust hat, auch teurere Rezepte wählen, zum Beispiel einen Braten oder frische Fische. Sie erhält den Betrag für ihre Auslagen exklusive Getränke aus der Kasse zurückerstattet. So gibt es keine Abhängigkeiten, keinen Kochwettbewerb und niemand muss sich als Kochstar hinstellen.

Funktioniert das gut?

Ja. Wir haben ein kleines Buch, in dem wir für jedes Treffen notieren, wer wann gekocht hat, welches Menü es gab und was die Einnahmen und Ausgaben waren. Das, was Ende Jahr in der Kasse bleibt, investieren wir für unser «Geschäftsessen» in der Beiz.

Was ist euch neben dem Essen besonders wichtig?

Das Gespräch. Wir haben eine gute Gesprächskultur und ähnliche Interessen. Es ist uns wichtig, dass das Gespräch nicht einfach dahinplätschert, sondern dass wir einen guten Austausch haben. Natürlich hören wir auch zu, wenn jemand etwas Persönliches besprechen möchte.

Gibt es etwas, das an eurem Tisch tabu ist?

Wir sind unkompliziert und geniessen das Essen. Wir möchten nicht, dass jemand für einen Ernährungsstil «missioniert». Mit einer Vegetarierin würden wir es versuchen, mit Veganern eher nicht. Das wäre für unsere Runde zu kompliziert. Es kam einmal eine Frau zum Gastessen, die Veganerin war. Das hat dann nicht so gut gepasst. Wenn jemand eine komplett andere Ernährungseinstellung hat und alle sich anpassen müssen, wird es kompliziert.

Wie hat sich die Gruppe über die Jahre gewandelt?

Zwei meiner Mitgründerinnen sind leider verstorben. Das waren einschneidende Erfahrungen. Andere haben die Tavolata aus persönlichen Gründen verlassen. Seit Anfang dabei sind nur noch Lisa und ich. Veränderung gehört dazu – man muss flexibel bleiben. Für Nachfolgerinnen haben wir stets den Kontakt mit jüngeren Frauen gesucht, um unsere Tavolata altersmässig zu erneuern. Das hat sich bewährt.

Dürfen auch neue Mitglieder dazustossen?

Auf jeden Fall. Wir haben immer Platz für einen Gast. Es ist uns einfach wichtig, dass wir ähnliche Interessen und Themen teilen. Aktuell sind wir vier Frauen: Lisa ist Jahrgang 1945, Esther 1948, Helen 1957 und ich 1937. Wir treffen uns monatlich jeweils um 18 Uhr zum Apéro und essen gleich anschliessend.

Könnte auch ein Mann teilnehmen?

Selbstverständlich. Nur sind leider Männer in unserem Alter, die es noch draufhaben, rar. Es wäre auch schön, wenn jüngere Menschen dazukämen, wir sind offen. Ich finde, gerade als frisch Pensionierte ist es besonders wichtig, sich ein neues Leben aufzubauen.

Eure Tavolata scheint gut organisiert zu sein.

Mit den Jahren lernt man zu delegieren. Wenn eine Teilnehmerin in Zeitnot gerät, kann sie etwas Einfaches vorbereiten. Und im Sommer machen wir auch gerne mal ein Picknick in einem schönen Park.

Wie geht ihr mit dem Älterwerden um?

Das ist schon ein Thema. Zum Glück sind wir alle sehr fit, wohnen selbständig und reisen mit dem ÖV. Leider erlebten wir den raschen Abbau einer Tavolata-Interessentin. Sie fand sich plötzlich nicht mehr zurecht, konnte nicht mehr selbständig kochen und fand den Weg nicht mehr. Zum Glück konnte sie in eine betreute Wohnform umziehen.

Was schätzt du besonders an der Gruppe?

Dass wir füreinander Rezepte kochen, die man allein nicht mehr machen würde. Einen Braten, ein Ossobuco – das braucht Zeit. Aber wir freuen uns auch über eine Linsensuppe mit gutem Brot oder Gschwellti. Apropos Gschwellti: Aus unserer Gruppe ist eine Gschwellti-Tavolata entstanden. Susanne, ein ehemaliges Mitglied von Pic-Assiette, hat eine neue Runde gegründet. Die Gastgeberin kocht nur Kartoffeln, alle anderen bringen ihren Lieblingskäse mit.

Was bedeutet eigentlich Pic-Assiette?

«Un pic-assiette» ist eine Person, die am Tisch vom Teller der anderen pickt (im übertragenen Sinn: ein Schmarotzer, Profiteur). Genau dies tun wir: Wir probieren die Gerichte der anderen Frauen. Ein bisschen wie die Vögel am Futtertrog. Ja, das passt gut zu uns: Wir leben an der Sprachgrenze, haben Humor – und geniessen das Savoir-vivre.