Reportage aus der Zeitung «Bon Appétit!»: Tavolata Pic-Assiette

07.07.2026

Seit 15 Jahren kocht, diskutiert und geniesst die Berner Tavolata Pic-Assiette gemeinsam. Die vier Frauen führen Buch über Rezepte und Ausgaben – und pflegen eine Gesprächskultur, die ihnen wichtiger ist als das perfekte Menü. Mitgründerin Mirjam Stolz-Silfverberg erzählt, warum.

Interview: Anina Torrado Lara
Fotos: Marco Zanoni

Mirjam, erinnerst du dich an den Anfang von Pic-Assiette?

Ja, sehr gut. Wir gründeten die Tavolata am 27. November 2011 in Bern. Wir waren fünf Frauen, die es einfach gut miteinander haben wollten. Dazu gehörten für uns ein feines Essen und ein gepflegtes Gespräch. Wichtig war uns von Anfang an, dass es kein Konkurrenzdenken gibt. Das passiert nämlich schnell beim Kochen.

Was habt ihr dagegen unternommen?

Wir haben das direkt angesprochen und miteinander abgemacht, dass jede Teilnehmerin pro Treffen 20 Franken in die Kasse legt. Pro Tavolata stehen jeweils 80 bis 100 Franken zur Verfügung und die Gastgeberin entscheidet, was und wie aufwendig sie kochen will. Sie kann unter Umständen «beim Italiener» eine fertige Pizza bestellen. Sie kann aber, wenn sie Lust hat, auch teurere Rezepte wählen, zum Beispiel einen Braten oder frische Fische. Sie erhält den Betrag für ihre Auslagen exklusive Getränke aus der Kasse zurückerstattet. So gibt es keine Abhängigkeiten, keinen Kochwettbewerb und niemand muss sich als Kochstar hinstellen.

Funktioniert das gut?

Ja. Wir haben ein kleines Buch, in dem wir für jedes Treffen notieren, wer wann gekocht hat, welches Menü es gab und was die Einnahmen und Ausgaben waren. Das, was Ende Jahr in der Kasse bleibt, investieren wir für unser «Geschäftsessen» in der Beiz.

Was ist euch neben dem Essen besonders wichtig?

Das Gespräch. Wir haben eine gute Gesprächskultur und ähnliche Interessen. Es ist uns wichtig, dass das Gespräch nicht einfach dahinplätschert, sondern dass wir einen guten Austausch haben. Natürlich hören wir auch zu, wenn jemand etwas Persönliches besprechen möchte.

Gibt es etwas, das an eurem Tisch tabu ist?

Wir sind unkompliziert und geniessen das Essen. Wir möchten nicht, dass jemand für einen Ernährungsstil «missioniert». Mit einer Vegetarierin würden wir es versuchen, mit Veganern eher nicht. Das wäre für unsere Runde zu kompliziert. Es kam einmal eine Frau zum Gastessen, die Veganerin war. Das hat dann nicht so gut gepasst. Wenn jemand eine komplett andere Ernährungseinstellung hat und alle sich anpassen müssen, wird es kompliziert.

Wie hat sich die Gruppe über die Jahre gewandelt?

Zwei meiner Mitgründerinnen sind leider verstorben. Das waren einschneidende Erfahrungen. Andere haben die Tavolata aus persönlichen Gründen verlassen. Seit Anfang dabei sind nur noch Lisa und ich. Veränderung gehört dazu – man muss flexibel bleiben. Für Nachfolgerinnen haben wir stets den Kontakt mit jüngeren Frauen gesucht, um unsere Tavolata altersmässig zu erneuern. Das hat sich bewährt.

Dürfen auch neue Mitglieder dazustossen?

Auf jeden Fall. Wir haben immer Platz für einen Gast. Es ist uns einfach wichtig, dass wir ähnliche Interessen und Themen teilen. Aktuell sind wir vier Frauen: Lisa ist Jahrgang 1945, Esther 1948, Helen 1957 und ich 1937. Wir treffen uns monatlich jeweils um 18 Uhr zum Apéro und essen gleich anschliessend.

Könnte auch ein Mann teilnehmen?

Selbstverständlich. Nur sind leider Männer in unserem Alter, die es noch draufhaben, rar. Es wäre auch schön, wenn jüngere Menschen dazukämen, wir sind offen. Ich finde, gerade als frisch Pensionierte ist es besonders wichtig, sich ein neues Leben aufzubauen.

Eure Tavolata scheint gut organisiert zu sein.

Mit den Jahren lernt man zu delegieren. Wenn eine Teilnehmerin in Zeitnot gerät, kann sie etwas Einfaches vorbereiten. Und im Sommer machen wir auch gerne mal ein Picknick in einem schönen Park.

Wie geht ihr mit dem Älterwerden um?

Das ist schon ein Thema. Zum Glück sind wir alle sehr fit, wohnen selbständig und reisen mit dem ÖV. Leider erlebten wir den raschen Abbau einer Tavolata-Interessentin. Sie fand sich plötzlich nicht mehr zurecht, konnte nicht mehr selbständig kochen und fand den Weg nicht mehr. Zum Glück konnte sie in eine betreute Wohnform umziehen.

Was schätzt du besonders an der Gruppe?

Dass wir füreinander Rezepte kochen, die man allein nicht mehr machen würde. Einen Braten, ein Ossobuco – das braucht Zeit. Aber wir freuen uns auch über eine Linsensuppe mit gutem Brot oder Gschwellti. Apropos Gschwellti: Aus unserer Gruppe ist eine Gschwellti-Tavolata entstanden. Susanne, ein ehemaliges Mitglied von Pic-Assiette, hat eine neue Runde gegründet. Die Gastgeberin kocht nur Kartoffeln, alle anderen bringen ihren Lieblingskäse mit.

Was bedeutet eigentlich Pic-Assiette?

«Un pic-assiette» ist eine Person, die am Tisch vom Teller der anderen pickt (im übertragenen Sinn: ein Schmarotzer, Profiteur). Genau dies tun wir: Wir probieren die Gerichte der anderen Frauen. Ein bisschen wie die Vögel am Futtertrog. Ja, das passt gut zu uns: Wir leben an der Sprachgrenze, haben Humor – und geniessen das Savoir-vivre.