Reportage aus der Zeitung «Bon Appétit!»: Das Grill-Velo kommt!
08.06.2026
Ein sommerlicher Nachmittag in einer Alterssiedlung in Wallisellen. Kurz vor 12 Uhr mittags rollt ein Lastenvelo heran – kein gewöhnliches. Auf der Ladefläche steht eine Holzkiste mit der Aufschrift «LUNAplus». Adrian Ruoss von der gleichnamigen Stiftung stellt das Velo ab und packt einen Grill samt Zange, Bratwürste, Cervelats und Bürli aus. Wenige Minuten später brutzeln die Würste bereits auf dem Feuer.
Text: Anina Torrado Lara
Fotos: Nicolas Zonvi
Die ersten Quartierbewohnenden haben den jungen Mann schon erspäht und winken ihm zu. «Oh, heute gibt’s Chlöpfer!», ruft Uschy Hug. Sie stellt ihren selbstgemachten Couscous-Salat (siehe Rezept) auf den Klapptisch und packt Teller, Besteck und Servietten aus. Sofort eilen zwei weitere Nachbarinnen heran und helfen ihr, den Tisch zu decken. Ein älterer Herr steuert einen Krustenzopf zur Tavolata bei, eine Frau bringt Wassermelonenschnitze mit. Was hier auf der Gemeinschaftswiese entsteht, ist eine unkomplizierte Tavolata.
Warum eine Wurst mehr ist als ein Imbiss
Adrian Ruoss hat mit dem Grill-Velo einen Nerv getroffen: In den Überbauungen in den Städten und Agglomerationen wohnen viele Menschen, die ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch haben. Adrian Ruoss hatte die Idee mit dem Grill-Velo vor einigen Jahren. Er arbeitet bei der Stiftung LUNAplus in Wallisellen und ist für die soziokulturelle Animation von Menschen ab 65 Jahren hauptsächlich in den Alterssiedlungen zuständig.
Tavolata auf Achse
Drei Alterssiedlungen betreut er regelmässig. Er stellte eine einfache Frage: «Was fehlt euch am meisten?» Als Antwort kam zurück: «Das Grillieren», erzählt Ruoss, «denn eine Wurst auf dem Feuer ist für diese Generation einfach der Hammer.»
Doch Feuerstellen bauen? Bewilligungen einholen? All das schien zu kompliziert. Also dachte sich der Quereinsteiger – früher war er Bühnenbauer – eine pragmatische Lösung aus: ein Lastenvelo, ein Grill, fertig. «Ich finde es cool, dass das Grill-Velo so einfach ist. Ich kann bei gutem Wetter in eine Siedlung fahren, es braucht nichts, keine Küche, keine Bewilligung.» Niederschwelliger geht es kaum.
Einige bringen freiwillig eine Beilage mit
Und so funktioniert ein Anlass mit dem Grill-Velo: Ruoss legt mit den Anwohnenden ein Datum fest, zwei Wochen vorher hängt er Flyer ans Schwarze Brett. Er bringt Wurst und Brot mit, die er für einen Fünfliber verkauft. Alles andere ist freiwillig. «Wenn es für die Gäste reicht, nur Wurst und Brot zu essen, ist das völlig okay.» Oft organisieren die Seniorinnen und Senioren in der Siedlung aber Beilagen: Jemand bringt einen Salat, jemand ein Dessert oder Früchte mit. Manchmal ist sogar eine Kaffeemaschine oder eine Flasche Weisswein dabei. Gemeinsam decken sie den Tisch und räumen auch wieder gemeinsam ab.
Tavolata auf Achse
«Das Grill-Velo ist eine spannende Form einer Tavolata», sagt Daniela Specht, Geschäftsführerin des Vereins Tavolata. «Es gibt wenig Verpflichtung und doch entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Alle tragen etwas zum Gelingen des Anlasses bei und geniessen das Miteinander.» So wird aus dem Grill-Velo ein Mitwirkungsanlass. Adrian Ruoss erzählt: «Wenn ich allein bin, helfen die Leute automatisch mit.» Genau das will er: Bewegung, Beteiligung, Selbstwirksamkeit. «Wenn jemand einen Kuchen mitbringt und gelobt wird, ist das für die Person sehr schön. Es macht sie stolz.»
Wer will, bleibt zu einem Schwatz
Zwischen Frühling und Herbst kommt das Grill-Velo regelmässig zum Einsatz. Pro Anlass sind es 10 bis 25 Menschen, die zusammenkommen – auch Neuzugezogene und Menschen, die sonst nie zum Mittagstisch gehen würden. «Es gibt auch Eigenbrötler, die zum Grill-Velo laufen, sich eine Wurst für fünf Franken holen und sie zu Hause essen wollen. Doch dann bleiben sie vielleicht doch hängen.» Adrian Ruoss versucht, die Menschen zu einem Gespräch anzuregen und so auch diejenigen zu erreichen, die isoliert leben.
Die Beziehungen, die so im Quartier entstehen, wirken im Alltag weiter. Adrian Ruoss erzählt von Paaren, die sich beim Grill-Anlass kennengelernt haben und heute zusammen sind. Von Nachbarinnen und Nachbarn, die füreinander einkaufen gehen, gemeinsam Kaffee trinken oder Fussball schauen. «Es ist verrückt, dass durch so kleine Events so etwas entstehen kann.»
Einmal sei eine Frau gestürzt, der Nachbar habe es bemerkt und den Notfall gerufen. «Die Menschen schauen aufeinander. Das ist für mich der Hauptnutzen des Grill-Velos: Es ist ein Eisbrecher.»
Der Grill wirkt wie ein Lagerfeuer
In den Siedlungen leben Menschen zwischen 65 und 100 Jahren, auch einige mit IV-Rente. Die Durchmischung ist gross. «Es gibt Leute aus Syrien, Griechenland, von überall her.» Betreuung gibt es keine, nur Gemeinschaftsräume. Umso wichtiger sind Impulse von aussen – oder eben ein Velo, das eine St.Galler OLMA-Bratwurst bringt.
Am frühen Nachmittag ist der Grill leer, die Gruppe bleibt aber noch am Tisch sitzen und unterhält sich angeregt. Adrian packt den Grill ein, macht gerade noch den nächsten Termin inklusive Verschiebedatum ab und schwingt sich aufs Velo. Zurück bleibt etwas, das länger hält als der Duft von Bratwurst: neue Kontakte, Nähe, Verlass. Und die Gewissheit, dass manchmal ein kleines Feuer reicht, um Gemeinschaft zu entfachen.




